Kommentar zu den Erfolgen des Konstanzer „Handlungsprogramms Wohnen“: Höher, weiter, Großstadt? Grenzen urbaner Verdichtung – und Niederlagen des ländlichen Raums…

Konstanz bejubelt sich selbst. Statistische Zahlen belegen, dass die Stadt es geschafft hat, ihr eigenes, sich auferlegtes „Handlungsprogramm Wohnen“ zu überholen. Es wurde mehr Wohnraum gebaut, als man es in der Verwaltung erwartet hatte. Die Erwartungen von außen waren hoch, aber offenbar auch der Druck innerhalb der Ämter, zeigt sich Konstanz doch beliebter denn je als ein Traumziel Vieler, die den Bodensee dauerhaft in einer eigenen Wohnung, in einem Haus genießen wollen. Die Nachfrage hat das Angebot stets weit überstiegen, die Preise schnellten also nicht nur aufgrund der massiven Einflüsse durch die Nähe der Schweiz in unbezahlbare Höhen. Gerade für kleine Einkommen schien Wohnraum vor Ort nahezu unerschwinglich zu werden, entsprechend musste gehandelt werden.

Ja, Konstanz vergleicht sich gern mit anderen Universitätsstädten. Auch, wenn es um die Entschuldigung geht, warum hier die Mieten so teuer sind. Da erwähnt man sich gern in einer Reihe mit Freiburg, Tübingen oder gar München und Berlin. Doch Konstanz ist eigen: umgrenzt vom Bodensee, vom Nachbarland, von Schutzgebieten. Man hat es erkannt, dass die Ausbreitungsmöglichkeiten der Stadt durchaus endlicher sind als anderswo. Deshalb brauchte es Alternativen: Immer öfter verdichteten sich innerstädtische Siedlungsgebiete, gingen Bauten auf einmal in die Höhe – statt in die Breite. Und dort, wo noch ein letzter Zipfel Land zu ergattern schien, wurde Konstanz weiter, indem Flächennutzungspläne geändert und in Wettbewerben scheinbar umweltverträgliche Häuser und Umfelder erkoren wurden. Zweifelsohne: Der Eindruck entsteht, Konstanz wolle den Status der Großstadt erreichen. Dafür wird eine begrenzte Fläche immer enger bewohnbar gemacht, ohne Rücksicht auf eine lebendige Innengestaltung und einen Naturraum, der mithilfe von allerlei Ausnahmen zusätzlich noch in seine Schranken verwiesen wird.

Recht verantwortungslos sind dabei auch die beständigen Bestrebungen diverser ortsansässiger Einrichtungen: Die Universität und die Hochschule lassen jedes Jahr noch mehr Studenten zu, ohne dabei den Blick darauf zu richten, ob die städtische Infrastruktur solche Erhöhungen überhaupt zulässt. Ohne Rücksicht darauf, dass mehr Menschen auch mehr Wohnraum brauchen, werden immer neue Anziehungspunkte im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich, im Tourismus und  im Freizeitgeschäft geschaffen, die eine Stadt einerseits attraktiv machen sollen, bei denen man gleichsam aber fragen muss: Passen hier die Proportionen? Ist es so schlimm, sich einzugestehen, dass Konstanz eine mittelgroße Stadt ist – und bleiben sollte, um sich und seinen Einwohnern einen Gefallen zu tun? Haben wir nicht das Selbstbewusstsein, uns über Qualität statt Quantität zu definieren? Zweifelsohne: Wir wünschen uns allseits ein Zuhause, das Andere und uns selbst anspricht. Und keiner will Konstanz vom Fortschritt abhängen. Doch zur Realität gehört auch Verhältnismäßigkeit. Und wir tun uns keinen Abbruch, unsere Stadt nach diesem Motto zu gestalten.

Gleichsam sind nicht nur wir angehalten, Lösungen zu finden, die dabei helfen, Wohnräume vernünftig zu verteilen. Denn auch die große Politik ist nicht ganz ohne Schuld: Mit Mietpreisbremsen und Wohnbauförderung macht sie es in der Theorie zwar einfacher, Unterschlupf zu finden. Letztlich fragt man sich aber: Wo sollen wir schlussendlich noch bauen, wenn uns die Städte Grenzen aufzeigen? Die Weiterentwicklung des ländlichen Raums kam über Jahre viel zu kurz. Durch das Dörfersterben wurde es Kult, in der Stadt zu leben. Fehlende Nahversorgung ließ bestehende Ortschaften langsam ausbluten. Die Chancenlosigkeit des Wohnens auf dem Land wurde förmlich herbeigeredet – und dann auch vollzogen. Immer mehr Menschen pressten sich in den Städten, Konstanz ist ein Beispiel dafür. Man kann es heute kaum jemandem verübeln, der das Urbane sucht. Immerhin ist nur dort der Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel sicher, der Weg zum nächsten Arzt überschaubar und der Lebensmittelmarkt in greifbarer Nähe. Doch mit dem Gedanken der Zentrierung machen wir unsere Städte kaputt. Sie verkraften keinen endlosen Zuwachs, das Ideal der Metropole ist ein herbeigeredeter und durch falsche Förderungspolitik produzierter Anreiz, einen gesunden Ausgleich zwischen Stadt und Land zu verhindern – in jeglicher Hinsicht. Die Stellschrauben liegen also an verschiedenen Ansätzen versteckt, Konstanz könnte Vorreiter werden, sie zu drehen.

Dennis Riehle



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